Issue № 31 · Mai 2026 Audio-Journal · Monatlich
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„Verstärker · 12 min“

„Röhren-Verstärker vs. Class D, Mai 2026 — der Blindtest im NADEL-Hörsaal“

„Audio Note OTO Phono SE Signature gegen Hypex NCx500 — gleiche Quelle, gleiche Lautsprecher, kalibrierte Lautstärke. Zwölf Hörer:innen, drei Pass-Cycles, ein erwartbares und ein überraschendes Ergebnis.“

„Röhren-Verstärker vs. Class D, Mai 2026 — der Blindtest im NADEL-Hörsaal“
Verstärker 09.05.2026

Röhren-Verstärker vs. Class D, Mai 2026 — der Blindtest im NADEL-Hörsaal

Im aktuellen Heft Nr. 31 läuft die längste Blindtest-Reihe, die wir je gefahren haben. Drei Tage, zwölf Hörer:innen, zwei Verstärker, drei Pass-Cycles. Die Frage ist alt — sie wird seit den 1990er Jahren in Audiophilen-Foren diskutiert — aber sie hat 2026 eine neue Schärfe bekommen, weil moderne Class-D-Module mess-technisch in einer Liga spielen, die selbst die besten Linear-Class-A-Verstärker nicht erreichen. Wir wollten wissen: hört man das?

Die zwei Probanden

Verstärker A. Audio Note OTO Phono SE Signature. Single-Ended-Röhren-Verstärker mit zwei EL84-Endröhren pro Kanal in Class A. Eingangsstufe mit zwei ECC83. 12 W RMS pro Kanal an 8 Ω. Ausgangs-Übertrager handgewickelt im Audio-Note-Werk in Hove (England). Eingebauter MM-Phono-Pre. Verkaufspreis Mai 2026: €4.500. Wir haben das Test-Exemplar 48 Stunden vor dem Blindtest aufgewärmt — Audio Note schreibt 30 Minuten in den Manual, aber das Klangbild stabilisiert sich messbar erst nach 24 Stunden Dauerbetrieb.

Verstärker B. Custom-Build mit Hypex NCx500 NC502MP-Modul, Eingangsstufe mit Sparkos SS3602 Diskret-OpAmp, Linear-Netzteil im selben Gehäuse. 500 W RMS pro Kanal an 4 Ω, 270 W an 8 Ω. Class-D-Topologie mit globaler Gegenkopplung. Gesamtkosten Custom-Build inklusive Gehäuse: €1.200. Aufwärmzeit laut Hersteller: 15 Minuten. Wir haben aus Fairness ebenfalls 48 Stunden vor dem Test laufen lassen — die Mess-Werte ändern sich nach den ersten 30 Minuten nicht mehr.

Das Setup

Quelle: Linn LP12 mit Kandid-MC-Tonabnehmer (€4.500) und Urika-III-Phono-Stage (€2.800). Zwischen-Vorverstärker: Audio Note M2 Phono Line (Vorstufe, Röhren-basiert, neutral abgestimmt) — wichtig, damit beide Endstufen denselben Vorverstärker sehen und nicht den eingebauten Phono-Pre des OTO. Lautsprecher: Harbeth P3ESR (83 dB/W/m, nominal 6 Ω, real 4,5–8 Ω über Frequenzgang). Hörraum: 35 m² behandelt mit GIK Acoustics 244-Panels an den ersten Reflexionspunkten plus zwei Tri-Trap-Bassfallen. RT60 bei 500 Hz: 0,32 Sekunden.

Lautstärke kalibriert mit Brüel & Kjær Typ 2250 SPL-Meter am Sitzplatz auf 75 dB(A) Pink-Noise-Pegel. Differenz beider Endstufen-Gains: 0,3 dB, ausgeglichen über Pegel-Steller des Vorverstärkers vor jedem Pass.

Test-Tracks:

  • Talk Talk, „I Believe In You” aus „Spirit Of Eden” — 2018-Reissue auf 180 g (Mobile Fidelity)
  • Steely Dan, „Aja” — SACD-Stereo-Layer (Analogue Productions, 2010)
  • Eiji Oue / Minnesota Orchestra, „Stravinsky: Firebird Suite” — DSD256-Stream über Roon (Reference Recordings, 2003-Aufnahme remastered)

Blindtest-Mechanik: Hörer:innen sitzen, ein Assistent schaltet hinter einer Stoff-Trennwand zwischen Verstärker A und Verstärker B um. Reihenfolge randomisiert, jede Hörer:in läuft drei Pass-Cycles à drei Tracks à 90 Sekunden. Notiert wird: welcher Verstärker, welche Präferenz, welche Wahrnehmung in Stichworten.

Mess-Werte vorab

Wir wollten die Hör-Ergebnisse nicht von den Messwerten beeinflussen lassen — deshalb sind die Daten erst nach Abschluss aller Pass-Cycles publiziert worden. Die Differenzen sind technisch groß.

Audio Note OTO bei 1 W an 8 Ω, 1 kHz: THD 0,4 %, davon ~0,35 % zweite Harmonische, ~0,04 % dritte. Bei 10 W: THD 1,2 %. Frequenzgang –3 dB bei 18 Hz und 32 kHz. S/N: 82 dB unbewertet. Ausgangs-Impedanz: 0,8 Ω, Dämpfungs-Faktor an 8 Ω: 10.

Hypex NCx500 Custom: THD 0,0018 % bei 1 W/1 kHz, 0,0021 % bei 100 W. Frequenzgang –0,1 dB bei 20 Hz, –0,3 dB bei 20 kHz, –3 dB bei 65 kHz. S/N: 124 dB unbewertet. Ausgangs-Impedanz: 0,015 Ω, Dämpfungs-Faktor an 8 Ω: 530.

In jeder einzelnen Mess-Disziplin ist der Class-D-Verstärker 50–200-fach besser. Wenn Mess-Werte allein das Hörerlebnis determinieren würden, wäre dieser Test in 90 Sekunden vorbei.

Was im Hörsaal passiert

Pass 1, ohne Vorinformation welche Schaltung wann läuft:

  • 8 von 12 Hörer:innen erkennen „etwas Gefälligeres” bei Verstärker A (Audio Note). Beschreibungen: „weichere obere Mitten”, „mehr Atem in der Stimme”, „sanfter Schimmer auf Becken”.
  • 7 von 12 Hörer:innen hören „mehr Kontrolle im Bass” bei Verstärker B (Hypex). Beschreibungen: „der Kontrabass setzt präziser ein”, „Pauke trockener”, „weniger Bass-Hall”.
  • Präferenz Pass 1: 7 für A, 4 für B, 1 ohne Festlegung.

Pass 2, gleicher Aufbau, andere Reihenfolge:

  • 9 von 12 erkennen das gleiche Muster wieder (Wärme bei A, Kontrolle bei B).
  • 4 Hörer:innen wechseln ihre Präferenz: drei jetzt für B (begründen mit „bei lauteren Stellen klarer”), eine jetzt für A nach Pass-1-Präferenz B.
  • Präferenz Pass 2: 6 für A, 6 für B.

Pass 3, Konzentrations-Probe nach 90 Minuten Pause:

  • Trefferquote bei der Architektur-Identifikation sinkt auf 8 von 12. Vier Hörer:innen sind nicht mehr sicher, welcher Verstärker gerade läuft.
  • Präferenz Pass 3: 5 für A, 6 für B, 1 ohne Festlegung.

Interpretation

Drei Erkenntnisse aus den drei Pass-Cycles.

Erstens, der Unterschied ist hörbar — aber klein. Eine ungefähre Identifikations-Trefferquote von 67–75 % über drei Pässe ist statistisch signifikant, aber weit entfernt vom „Tag-und-Nacht”-Unterschied, den manche Foren beschwören. Vier Hörer:innen wechseln in Pass 2 ihre Bevorzugung — das wäre bei großen Klang-Differenzen unmöglich.

Zweitens, die Differenzen sind systematisch. Die Wärme im 800-Hz-bis-3-kHz-Bereich beim Audio Note ist die direkte hörbare Konsequenz der Single-Ended-Class-A-Stufe: zweite Harmonische bei ~0,35 % wird vom Ohr als „Wärme” und „Körperlichkeit” interpretiert, nicht als Distortion. Das ist gut belegte Psychoakustik (Cheever-Studie 2001). Die Bass-Kontrolle beim Hypex kommt direkt vom Dämpfungs-Faktor 530 vs. 10 — die Membrane wird elektrisch fest gehalten, Nachschwingen reduziert.

Drittens, beide haben ihren Platz. Class D 2026 ist mess-technisch unbestreitbar überlegen. Der Hypex NCx500 ist gegenüber jeder bezahlbaren Linear-Endstufe der bessere Mess-Performer und liefert ein Watt-pro-Euro-Verhältnis, das vor zehn Jahren undenkbar war (€1.200 für 500 W bei <0,002 % THD). Aber der Audio-Note-Klang ist hörbar anders, nicht hörbar schlechter. Wer Stimm-Aufnahmen, akustische Trios, Streicher-Quartette hört, wird die zweite Harmonische als Bereicherung empfinden. Wer Großorchester, Elektronik, Bass-lastige Genres hört, wird die Class-D-Kontrolle als Reinheit empfinden.

Die Empfehlung im Heft

Für Lautsprecher mit hohem Wirkungsgrad (>90 dB/W/m) und gutmütigem Impedanz-Verlauf — Klipsch Heresy IV, Audio Note AN-J, DeVore Orangutan O/93 — gehört die Audio Note OTO in die engste Auswahl. Für Lautsprecher mit niedrigem Wirkungsgrad oder schwierigem Impedanz-Verlauf (Magnepan, Apogee, viele moderne Konus-Standlautsprecher) ist Class D auch klanglich die bessere Wahl, weil die Dämpfung den Bass-Bereich stabilisiert.

Im nächsten Heft kommt der Gegen-Versuch: drei Class-D-Implementationen (Hypex, Purifi 1ET400, B&O ICEpower) im direkten Vergleich, gleiche Vorverstärker-Stufe, gleicher Hörraum. Wir sind gespannt, ob die Class-D-Schule in sich auseinanderfällt — oder ob das Modul alleine den Klang determiniert.


Ressort: Verstärker